zeitZeichen

SEUCHEN UND ANDERE PLAGEN

FEB/MÄRZ 2002

BSE, Massenschlachtungen, erschreckende Tierhaltungsmethoden, genmanipulierte Nahrung, Klone sind alltägliche Schlagworte der Tagespresse.

Idee der Ausstellung zeitZeichen war, Künstlerinnen und Künstlern ein Forum für zeitkritische Kunst zu bieten, d.h. Kunst, die sich mit den Phänomenen unserer Zeit, sowohl mit gesellschafts- und politikkritischen, als auch mit ethischen Fragen auseinandersetzt.

Vor genau einem Jahr haben wir Künstlerinnen und Künstler aus dem Großraum Köln aufgerufen, sich mit Arbeiten zu dem seinerzeit aktuellsten Thema - BSE- den Seuchen und anderen Plagen zu bewerben. In dem einem Jahr seit unserer Ausschreibung sind noch eine Anzahl an bedeutenden Ereignissen hinzugekommen, so dass wir unseren Themenschwerpunkt erweitern mussten.

Begonnen mit der Bekanntgabe des ersten BSE-Falles in Großbritannien, später auch in Deutschland und anderen europäischen Länder und die Entdeckung einiger Parallelen zur Creutzfeld- Jacob- Krankheit, erstreckten sich die Schlagzeilen über die Maul- und Klauenseuche und die daraus resultierenden Massenschlachtungen, Futtermittelskandale bis hin zum Anschlag auf das World Trade Center am 11. September und die nachfolgenden Meldungen zur Terrorisierung mit Milzbrand-Erregern. Ebenso wurden wir mit Schlagzeilen zu den neusten Entwicklungen und Möglichkeiten der Genforschung konfrontiert.

Es bewarben sich über 100 Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation und Fotografie. 18 von ihnen haben wir zu dieser gemeinsamen Ausstellung eingeladen.
Tendenziell wurden vor allem unsere Esskultur, BSE und die Genforschung thematisch hervorgehoben.
Es wurden bereits vorhandenen Arbeiten vorgestellt, aber auch Konzepte eingereicht, die speziell für diese Ausstellung realisiert wurden.

2 Künstler haben unmittelbar mit Aktionen im öffentlichen Raum auf die beiden großen 2 Reizthemen reagiert: Thomas Baumgärtel und auch Hildegard Weber.

Thomas Baumgärtel markierte mit der Bekanntgabe des ersten BSE- Falles in Deutschland Eingänge von Läden, die alternative Ernährungsmöglichkeiten anbieten, wie Bioläden, vegetarische Restaurants u.s.w. mit seiner „BSE Banane“- einem Rinderkopf, Totenschädel und Banane. Die Konsequenzen waren eine Verhaftung, 6 Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung, eine Hausdurchsuchung und die Beschlagnahmung seiner Spray- Utensilien. Unsere Ausstellung hat er nun mit einer überdimensionierten BSE-Banane auf Leinwand markiert. Informationen zu seiner Aktion sind auf unserer Dokumentationswand am Eingang zu sehen.
Hildegard Weber hat mit ihrer Aktion, die an insgesamt 3 verschiedenen Orten seit dem Jahr 2000 stattfand, zur Genforschung Stellung bezogen. ANDi, - inserted DNA, eingesetzte DNA, liest man das Wortspiel rückwärts, lautet der Titel der Ausstellungsreihe. Sie kritisiert mit ihrer Arbeit Experimente an Affen, denen ein modifiziertes Gen mit fluoreszierendem Farbstoff eingesetzt wurde. Mit ihrer hier gezeigten dritten Station „Federn lassen“ verweist sie auf die Opfer- Affen in diesem Fall- die für unsere Forschung und unser Wohlergehen Federn lassen mussten und noch müssen.

Andere Künstler haben weniger spektakuläre, aber dennoch emphatische und kritische Arbeiten geschaffen. Da wäre z.B. Harry Birkofers Collageküche zu nennen, in der er ein köstliches Big-Brechfest- Menü inszeniert hat oder in gleicher Weise ironisch, humorvoll Max Scholz‘ Electric-Weide Land, auf dem starre Betonkühe auf ihr maschinell gesteuertes Weidland warten.


Koken Nomura hat 9 Holzgesichtern Kuhbrillen aufgesetzt. Die jeweilige Mimik verrät beispielhaft Reaktionen auf BSE – Betroffenheit, Wut, Gleichgültigkeit, Ignoranz. Aber allen bleibt leider der Blick (Durchblick) durch die Brille verwehrt.
Dokumentarisch ist dagegen das Gemälde von Marlini Wickramasinha, das das Szenario einer Massenschlachtung zeigt. Dieses Bild erinnert an Zeitungsberichte, die wir - vor gar nicht langer Zeit - fast tagtäglich in der Tagespresse ersehen konnten. Diese Bild ist ein Denkmal und Mahnmal zugleich, das uns an Ereignisse erinnert, die wir nicht so schnell vergessen sollten.

Mahnend sind auch die Bilder von Tremezza von Brentano. Sie beschreibt die menschliche Eigenschaft der Gier. Die Gier nach der Befriedigung all unserer Wünsche, persönliche Bereicherung, zeitloser Jugend und Schönheit sowie grenzenloser Gesundheit – Ziele, die Dank der Genforschung vielleicht bald schon erreicht werden können.

Eigenschaften wie Achtlosigkeit , Gleichgültigkeit und Ignoranz werden in Harry van Renswous Lichtinstallation widergespiegelt. In Kleidersäcke gehüllte undefinierbare Gegenstände hängen sie nebeneinander gereiht an einer Wand. Ordentlich verpackt und sortiert werden sie – Ereignisse, Handlungen, Erinnerungen – zurückgelassen. Sie werden so zu Überbleibseln unserer Kultur.

Ähnliche Denkanstöße liefern Arbeiten, in denen sowohl positive als auch negative Aspekte unserer Zeit aufgelistet und dokumentiert werden, oder in denen die Folgen einer überzüchteten Natur in Form einer verdorrten Landschaft inszeniert wird.
Oder in denen eine künstliche, kitschige Landschaft als Erholungsraum in ironisch, bissiger Manier den Geist verklärt. Ebenso lädt der begehbare Kasten der Er-(Schöpfung) zur Selbstreflexion ein.

Ein verlassenes Forschungslabor mit riesigen aufgequollenen Pillen, ein gigantischer Uterus, der auf den geeigneten Genmix wartet oder eine Maschine, die zeitlos schöne Menschen herstellt, veranschaulichen sehr eindringlich die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Genforschung.
Weniger offensichtlich kritisch sind hingegen die Wandobjekte Ursula Radermachers, die auf die Realisierbarkeit jedweder Kombinatorik, wie sie in der Genforschung betrieben wird, hindeuten oder die Fotoserie von Ted Green, in der er mit seinem Medium Organisches untersucht, analysiert und dokumentiert. Einem etwas anderem Zeitphänomen nähert sich Rosy Beyelschmidt in ihrer Videoinstallation „SubSeven“. Hierin spielt sie auf den Computervirus mit gleichem Namen sowie auf die altägyptische Sieben- Seelen -Mythologie an. Beide bewegen sich im Bereich von Kraftfeldern oder Energien, die entweder als Austritt der Seelen aus einem menschlichen Körper, oder auch als das geistige Verglühen eines Computersystems durch einen Virus erkennbar sind. Vielseitig und veränderbar sind diese Kraftfelder, genauso vielseitig und veränderbar wie auch unsere Definition von Ethik im Wandel der Zeit.

18 Künstlerinnen und Künstler haben Bilanz gezogen über die Ereignisse der letzten beiden Jahre. Sie haben gesellschaftskritische Denkanstöße formuliert, Perspektiven beleuchtet und geben Anlass zur kritischen Auseinandersetzung. Entsprechend der Vielzahl an Meinungen und Thesen zu den verschiedenen Themen ist auch die Mannigfaltigkeit der künstlerischen Äußerungen. Sie haben sehr persönliche Meinungen als Resultat einer kritischen Auseinandersetzung dokumentiertund leisten somit einen nennenswerten Beitrag zu aktuellen Diskussionen.

TEILNEHMER

THOMAS BAUMGÄRTEL, ROSY BEYELSCHMIDT, URTE BEYER, HARRY BIRKHOFER, GERTA FIETZEK- KRÖLL, TED GREEN, NURCAN GROß, NIK KERN, BORIS MINKOWSKI, KOKEN NOMURA, URSULA RADERMACHER, MICHAEL ROYEN, MAX SCHOLZ, TREMEZZA VON BRENTANO, HANS VAN MEEUWEN, HARRY VON RENSWOU, MARILI WICKRAMASINHA

WERKAUSSTELLUNG NR. 3

zeitZEICHEN – 18 Künstler ziehen Bilanz

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