DÖRTE WEHMEYER

DÖRTE WEHMEYER

GLOBAL LIVE 3000

19.03.- 09.04. 2000

Visionäre Installationen Einzelausstellung der Kölner Bildhauerin.

Visionen, Zukunftsperspektiven, Standpunktabfragen sind Themen, die uns nicht erst seit unserer “Zeitwende” bewegen. Der Wechsel ins neue Jahrtausend, den wir zuletzt hinter uns gelassen haben oder den wir zum nächsten Jahreswechsel erleben werden – wer weiß es denn auch so genau? – gab erneut Anlass zu zahlreichen Spekulationen bezüglich Tendenzen und innovativen Ideen in der Kunst. Ob globale Abfrage oder Ausblick, so wichtig und interessant es auch ist, der allgemeine Trend, einen “Trend ” herbeiführen zu wollen, etwas auszumachen, scheint die Geister zu ermüden, zumal das Angebot an derartigen Ausstellungen sehr reichhaltig ist.

Zu diesem umfangreichen Angebot an zukunftsträchtigen Projekten, gesellt sich nun eine Künstlerin mit einer ähnlich gesinnten Idee, die der “Visionären Installationen”. Diese hebt sich insofern von den aktuellen “Trendausstellungen” ab, da sie eben keinen neuen Trend herauszustellen versucht, sondern hier Visionen zum Thema Mensch mittels der bildenden Kunst erarbeitet hat. Die Künstlerin Dörte Wehmeyer, Bildhauerin aus Köln, versteht ihre Arbeiten als eine Art Vision, sensible Werke mit apostrophischer Aussagekraft. Ihre Installationen verweisen auf keinen neuen “...ismus”, sie orientieren sich sehr stark an dem Gedankengut ihrer Schöpferin.

Vor 5 Jahren hat Dörte Wehmeyer mit einem selbst konzipierten Projekt begonnen, das auf insgesamt drei Ausstellungen zurückblicken kann, die alle in engem Zusammenhang stehen.
Alle drei Ausstellungen, jeweils umfangreich illustriert in einem Katalog, beziehen sich auf den Menschen, sein Wesen und seine soziale Geschichte. Philosophische Betrachtungen und fast prophetisch anmutende Aussagen dominieren über das gesamte Oeuvre.
Die Titel der Ausstellungen, angefangen mit “Gewalt und Menschlichkeit”, gefolgt von “Vom Schatten zum Licht” und endend mit “mehr als nur Hoffnung”, geben unweigerlich Auskunft über die Intension der Bildhauerin.
Jede der Ausstellungen wurde unterteilt in zwei räumlich getrennte Bereiche, die jeweils einem gegensätzlichen Thema gewidmet wurden. Die einzelnen Arbeiten hierzu waren überwiegend großformatige Objekte aus verschiedenen Materialien, wie Stahl, Edelstahl, Holz, Blei und Stein.
Verschiedenste Formen und Elemente wurden einander zugeordnet, mal miteinander kombiniert, ummantelt oder aneinander gefügt. Markant ist das Zusammenspiel konträrer Materialien wie Holzbalken und Edelstahl oder Holz und unbehandelter (rostiger) Stahl. Hiermit betont die Künstlerin die Gegensätze, die sie in den Titeln ihrer Arbeiten bereits anspricht: Gewalt/ Menschlichkeit; Schatten/ Licht.

Jede Arbeit wurde auf eine andere Weise gefertigt, so dass die Arbeiten Kontinuität vermissen lassen, die aber in der Folge der beiden weiteren Ausstellungsprojekte ersichtlich wird.
Das Besondere hieran ist die “Verwandlung” der vorherigen Werke. Die Bestandteile der einzelnen Arbeiten wurden neu konzipiert und aneinander gefügt. An gleichem Ort und gleicher Stelle erinnern uns nur noch die Schatten “vergangener” Arbeiten, an ihre ehemalige Existenz. Die Schatten, sichtbare Spuren aus grauen Puderpigmenten an der Wand, rufen zur Auseinandersetzung mit unserer Wahrnehmung auf, was ist Wahrheit und was ist Wirklichkeit?
Das gleiche Prinzip wendet die Künstlerin in der dritten Ausstellung an. Neue Schatten der vorherigen Arbeiten, aus grauen Pigmenten, werden im ersten Teil der Präsentation erkennbar, die einzelnen Elemente erfahren eine neue Konstellation.
Im zweiten Teil – Hoffnung – werden teils mit Moos bewachsene, teils mit Ästen bestückte Skulpturen und Rauminstallationen geschaffen. Durch die Wahl transparenter Materialien, wie Draht und Edelstahlgewebe, gewinnen die Skulpturen an Leichtigkeit und untermauern die Thematik.

Die Trilogie, die mit der zuletzt beschriebenen Ausstellung ihr Ende haben sollte, findet zur Zeit ihre Fortsetzung in den sogenannten Katakomben der werkP2 Kunsthalle in Hürth. Zu sehen ist eine raumgreifende Installation mit dem Titel “Global Life 3000” auf ca. 500 qm Ausstellungsfläche. Das Visionäre an der Installation sind nicht zukünftige Wege der Kunst aufzuspüren, sondern Perspektiven und Überlegungen zum Menschsein im Jahre 3000 mittels der Kunst zu proklamieren.

Eingebettet in die brachliegenden Kellergewölbe der ehemaligen Giesserei Klefisch, umhüllt vom Geruch industrieller Schaffenskraft, und der Erinnerung an ehemalige Wirtschaftlichkeit, begegnen uns zur Zeit ( bis 09.04.2000) die Zukunftsvisionen der Künstlerin.
Mit Neonröhren beleuchtete Objekte aus Stahl, Edelstahlgeflecht und Röntgenbilder bevölkern auf skurrile Weise das ruinenhafte Ambiente.
Die Visionen erzählen von einer entfremdeten Menschheit. Einer Menschheit, die vollkommen geleert und durchleuchtet lebt.
Zu Beginn des visionären Rundgangs empfängt den Besucher eine zukünftige “Kultur”, in Form von fünf, mit Röntgenbildern verschiedenster Musikinstrumente bestückte Stühle; einem Violinenkonzert gleich, das die Ouvertüre zu einer Oper eröffnet, mit dem Unterschied, dass kein einziger Ton unser Ohr erfreut.
Als nächstes begegnen uns die Hüllenwesen, auf ein Minimum reduzierte, absolut identische Menschen, die einst Individuen waren sowie deren Wohnräume.
Insgesamt 10 Grabtafeln, aneinander gereiht, verweisen auf Vergangenes. Mahntafeln gleich, verweisen sie einerseits auf Biblisches - Gottes 10 Gebote an Moses - andererseits auf unsere eigene Vergänglichkeit.

Im Wolkenlabor erfahren wir dann die Analyse unserer Natur. In den verschiedenen “Aufbereitungsbecken” werden Wolken erforscht, analysiert und katalogisiert, um im späteren Verlauf Aktenschränken zugeordnet zu werden.
Im Raum der “Unendlichkeit” wird der Besucher des von Menschenhand begrenzten Alls gegenwärtig.

Der angrenzende Videoraum informiert über Manipulation und gesellschaftliche Zwänge, indem die Künstlerin ungesehene Momente der Ausstellung demonstriert.
Die Arbeiten von Dörte Wehmeyer sind bestimmt von Gegensätzen, in der Wahl der Materialien und in der Wahl des Ausstellungortes. So nimmt es nicht Wunder, dass gerade ein Ort , wie die alte Industriehalle einen besonderen Reiz für eine Künstlerin darstellt, die sich thematisch Vergangenem und zukünftigen Visionen widmet.

Sensibel und einfühlsam wie die Künstlerin selbst, sind auch die sehr ästhetisch inszenierten Installationen, die den staubigen Gewölben fast schon Sterilität verleihen.
Ob nun düstere Zukunftsperspektiven wie einst in der “Schönen neuen Welt” oder Mahnmal für einen bessere Welt, ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall,
zumal es die letzte Gelegenheit ist, diese fantastischen, mit dem Geist der Kunst belebten Räumlichkeiten, zu erfahren, denn nach er Ausstellung wird die Halle abgerissen, damit neue Kunsträume entstehen können.

VITA

1944 geboren in Markneukirch
1962 - 66 Studium Romanistik, Slawistik, Linguistik an der Georgetown University,
Washington, USA
1972 Magisterabschluss Anglistik, Linguistik und Philosophie, Bonn
1987 Gründung des Institutes für angewandte Linguistik und kreative Kommunikation
1994-95 Studium der Bildhauerei bei Wolf Glossner, Hannover
seit 1995 als freischaffende Künstlerin tätig. Lebt und arbeitet in Köln

© 2016 KUNSTVEREIN KOELN SÜD e.V.